Weg von der Tütensuppe

Bruder Paulus Terwitte ist Kapuzinermönch und als Seelsorger durch das Fernsehen (Sat1, N24) bekannt geworden. Wir haben ihn gefragt, was die Fastenzeit für ihn bedeutet und wie er fastet.

Bruder Paulus Terwitte Red.: Aschermittwoch beginnen die 40 Tage der Fastenzeit. Was ändert sich bis Ostern für Sie ganz persönlich?

Bruder Paulus: Ich werde auf jeden Fall öfter spazieren gehen, und das mit der Liebeserklärung werde ich wohl auf Gott beziehen und mich fragen: Wie kann ich meine Liebe zu ihm ganz neu formulieren. Und dann werde ich auch einige Stunden mehr einplanen für Menschen, die mir etwas bedeuten und denen ich etwas bedeute: Gute Freunde sind einem eben auf dem Weg mitgegeben, man hat sie sich nicht ausgesucht, und deshalb sind sie auch immer wieder eine Herausforderung, der ich mich immer gern entziehe. Übrigens ist für mich auch klar: Kein Alkohol, nichts Süßes.

Red.: Fasten Mönche im Kloster besonders?

Bruder Paulus: Fasten ist mehr als nur der Verzicht auf Genussmittel. Sich ausrichten auf Gott, den inneren Schweinehund überwinden, noch mal verzeihen, eine Runde mehr beten, die Stille mit Gott suchen und den Lärm ausschalten - ach, das ist jeden Tag neu dran und sehr erfüllend, wenn man es aus Liebe zu Gott macht. Deshalb geht es in unserem Fastenkalender auch weniger um Verzicht, als um Gewinn: Zeit gewinnen für Freunde, Kraft gewinnen für ein lange aufgeschobenes Telefonat, Mut sich mal etwas Gutes zu tun.

Red.: Sie haben jetzt einen Fastenkalender herausgebracht, mit dem Titel "Trau dich, 40 Tage anders zu leben". Warum sollte ich anders leben? Mein Leben ist doch in Ordnung.

Bruder Paulus: Zu viele leben gar nicht mehr, sondern lassen sich leben, fragen sich immer wieder: Was muss m a n machen, was i s t angesagt. Sie sind nicht mehr Herr im eigenen Haus. Ich habe gemerkt, wie wenige Menschen sich trauen, mal aus dem Rahmen zu fallen. Es muss doch möglich sein, einfach eine neue Gewohnheit ins Leben zu bringen. Unser Kalender sagt deutlich: Die Fastezeit ist eine Zeit der Horizonterweiterung. Raus aus der Spur - trau dich mehr Leben ins Leben zu bringen. Versuch's mit natürlichem Kochen - weg von der Tütensuppe. Setz dich mal hin und mal mit deinen Fingern - weg vom einerlei der gedruckten Kunst. Stell dich mal eine Stunde vor ein Bild - weg von der Bilderflut.

Red.: Was empfehlen Sie denn Menschen, sich in der Fastenzeit zu trauen?

Bruder Paulus: Die Welt wäre viel lebendiger, auch das persönliche Leben, wenn Menschen sich trauen würden - und das nicht nur in der Fastenzeit - ein Gedicht zuschreiben, ein Bild zu malen, einen Fremden auf dem abendlichen Spaziergang endlich mal ansprechen, nachdem man ihn schon hundertmal gesehen hat. Oder trauen Sie sich doch einfach mal, mit einem Armen ein Brot zu teilen oder auch, ein Gebet auswendig zu lernen! Jawohl, richtig gehört: Einfach mal auswendig zu lernen.

Red.: Fasten ist oft höchstens zur Gewichtsabnahme gefragt. Dabei wäre ja Verzichten durchaus reizvoll in der "Geiz-ist-geil"-Gesellschaft.

Bruder Paulus: Furchtbar, wie das Wort Geiz verhunzt wird. Fasten - und das zeigen die Texte unseres Kalenders - ist etwas ganz Freigiebiges. Du nimmst die Freiheit, dir nicht alles zu nehmen, wozu du Lust hast - das ist der Kick. Ich beweis' mir selber, dass ich auf nichts anderes abfahren will als auf Vernünftiges, auf das, was mir und anderen wirklich dient. Wenn es denn Gewichtsabnahme ist, bitte! Aber ordentlich essen kann für einen Dürren auch Fasten sein.

Red.: Das wäre das Sichtbare an der Fastenzeit. Wie sieht es mit Meditaion und Schweigen aus?

Bruder Paulus: Wenn ich meditiere, dann geht es mir darum, dass ich mir Zeit nehme, mit Gott zusammen zu sein. Wie wenn Verliebte auf einer Parkbank sitzen und einfach so vor sich hin sinnen, glücklich, dass der andere da ist. Schweigen gibt mir Gelegenheit, auf meine innere Stimme zu hören. Ich werde nicht abgelenkt und kann mich besser konzentrieren. Die Gedanken lasse ich dabei einfach vorbeiziehen wie ein Schwarm von Zugvögeln. Und ich weiß: Gott empfängt meine Gedanken und auch mich selber in diesem Schweigen, das nicht leer ist, sondern sehr beredt. Die meisten Menschen haben durch Beruf und Familie gar nicht die Zeit und Gelegenheit zu schweigen. Ich sag's mal so, wir in den Klöstern sind auch dafür da, für diese Menschen in bisschen mit zu schweigen.

Red.: Bruder Paulus, vielen Dank für das Interview.

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